Mots pliés et dépliés

Zimmer am Ende des Flurs — Was macht das Leben aus?

Sep 2020

Sie haben mich hier abgeladen. Mit ein paar tröstenden Worten.
„Das ist ein sehr schönes Zimmer, Papa, nicht wahr?“
„Alles wird gut gehen, du wirst schon sehen, Papa.“

Und dann sind sie gegangen, schweigend.
Dieses Schweigen, das ein wenig ihr schlechtes Gewissen erstickt. Ich glaube, sie können nichts dafür.

Was macht das Leben aus?

Dieses Zimmer am Ende des Flurs in diesem Altersheim. Dieses Zimmer, dieses Vorzimmer des nahen Todes. Und all diese merkwürdigen Gerüche um mich herum. Meine paar Möbel inmitten des plastifizierten, laminierten Standardmobiliars. Mein alter Sessel, die riesige Kommode mit all den gerahmten Fotos, meine Frau, die Kinder und der ganze Rest.

So viele Kinder und ich ende hier. Ich hatte mir meinen Lebensabend etwas anders vorgestellt. Die, die mich hätten aufnehmen können, wollen es nicht. Und die anderen, die wollen, können es nicht. Ich darf ihnen nicht böse sein.

Was macht das Leben aus?

So viele Kinder, die Beweise einer großen Liebe. Oder die Mechanismen eines Paares, vereint durch die Härte des Lebens?
Wir sind manchmal ziemlich unglückliche Tiere. Wir wissen zu viel und wir wissen nicht genug. An den vielen Kreuzungen des Lebens diktiert uns oft die Angst den Weg, den wir nehmen.
Wir ersticken die Liebe. Wir lassen sie fliehen, wir verlassen sie. Wir entscheiden uns für unser Blut, unsere Familie, unsere Kinder. Unsere Kinder, die, die uns zu sich nehmen könnten und die, die es nicht können.
Man darf ihnen nicht böse sein.

Das Zimmer am Ende des Flurs. Und all die merkwürdigen Geräusche um mich herum. Das Vorzimmer des Todes.
Was macht das Leben aus?

Und meine Frau ist eine Weile vor mir gegangen. Aber wir waren schon lange nicht mehr wirklich diese liebevolle Einheit. Ein guter Wein kann angenehm altern oder er endet als Essig. Ich glaube, unsere Ehe war am Ende gerade noch gut genug um Blumentöpfe zu entkalken, Aber vielleicht bin ich da etwas hart. Vielleicht vergesse ich manchmal sturköpfig die guten Momente.

Was macht das Leben aus?

Und früher oder später werde ich sterben. Und darauf folgt das ganze christliche Brimborium dieses frommen kleinen Ortes. In der Kirche, dieser Maschine um Gewissen rein zu waschen, wird der Pfarrer reden und alle werden zuhören. Es werden Tränen fließen. Aber draußen wird die Sonne sie wieder trocknen.
Und auf dem Friedhof werden sie mich dann ablegen. Und sie werden in Stille heimgehen. Man darf ihnen nicht böse sein. Sie werden die Nächsten sein.

Was macht das Leben aus?