Mots pliés et dépliés

Von Hunden, Hügelgräbern und Drachenbooten.

Feb 2026

Ich stehe ganz leise auf. Du schläfst noch, mein alter Freund. Du atmest ganz flach. Du liegst in deinem Riesenhundebett am Fuß meines Bettes. Du darfst dich nachts in meinem Schlafzimmer ausruhen. Du darfst auch auf dem alten Sofa liegen. Ich lege extra für dich eine große Decke hin. Und dennoch liegst du darüber hinaus und beanspruchst manchmal mehr als die Hälfte des alten Möbelstücks. Du atmest ganz flach. Du gehst immer langsamer. Du hast keine Lust auf zu große Runden. Dein geliebter Wald scheint für immer zu weit zu sein. Hättest du noch Lust, im See zu schwimmen? Du liebst das Wasser so sehr, See und Meer. Ich wollte noch einmal mit dir zum Strand fahren. Ist es nur ein Traum, eine trotzige Illusion?

Der Tag wird kommen. Dieser eine Tag, den ich fürchte. Menschen gehen mit ihrem tierischen Freund zum Veterinär und kommen verheult mit nur einer Leine in der Hand heraus. So etwas will ich nicht! Wir werden zu Hause von dir Abschied nehmen. Du wirst gehen. Du willst gehen. Du bist so elendig müde. Ich werde mein Gesicht in deinem Fell vergraben. Und ich werde weinen, heulen.

Für dich ist ein schöner Platz im Garten da. Ich werde für dich ein Hügelgrab machen. Und ich werde bunte Blumensamen darauf säen. Bienen, Schmetterlinge werden für dich tanzen. Vögel werden kommen und singen. Du bist der vierte Hund in meinem Leben als Erwachsener. Du wirst der Letzte sein. Ich weiß: Man sollte niemals „nie mehr“ sagen. Der erste Hund war Roxane. Roxane war eine kleine (nicht so klein) schlanke Dame aus Paris. Ich frage mich, wie sie den Kulturschock Paris-Niederrhein verarbeitet hat. Ein anderes Land, eine andere Sprache! Wie hat Roxane nach dem Tod des kleinen menschlichen Wesens getrauert? Claudia und ich, wir hatten ein Kind verloren. Eine zarte Blüte, vom Wind weggetragen. Ein Wind des Januars. Ich habe es Roxane wahrscheinlich erklärt und dennoch hat sie sich nach jedem Kinderwagen umgedreht und wollte nachschauen! Später sind ein Sohn und eine Tochter zur Welt gekommen. Ist Roxane in der kleinen Familie vielleicht ein wenig zu kurz gekommen? Roxane ist mit fast 13 Lebensjahren gestorben. Es war Ostern. Sie wurde ruhend in ihrem Körbchen im Garten meiner Schwiegereltern begraben. Vielleicht hat sie geträumt, wieder nach Paris zurückzukehren. In Montmartre, in der Nähe von Heinrich Heine oder Dalida begraben zu sein. Aber sie hat sicher hinter den Sternen das plötzlich gegangene Kind wiedergefunden.

Eigentlich wollte ich danach keinen Hund mehr. Es war eine feste Entscheidung. Da lachen die Hühner! Und als wir das alte Haus gekauft und renoviert hatten, wollte meine Familie einen Hund haben. Nach dem Motto: Ein Haus, ein Hund. Ich habe Nein gesagt. Ich wollte mich nicht unnötigerweise, bei jedem Wetter, vom warmen Wohnzimmer verabschieden, um mit dem Hund Gassi zu gehen. Mein Nein war aber ein rhetorisches Nein. Satchmo kam als Welpe zu uns. Kann ich richtig Nein sagen! In der ersten Nacht hat der kleine Fellsack den Wandschrank getauft. Er hat danach mit großer Begabung das neue Fertigparkett im Wohnzimmer zerkratzt und nach und nach teilweise ruiniert. Mir war fast zum Weinen zumute. Ich hatte mit dem alten Kollegen das Parkett verlegt. Nun hatte Satchmo mir, dem Tischler, gezeigt, wie man ein Vintageparkett zustande bringt! Satchmo hat die Kinder bis zum Erwachsenwerden begleitet. Er war immer dabei. Und fuhr mit Begeisterung mit in den Urlaub! Er hatte sich ein wenig die französische Sprache angeeignet. Als der Tag des Abschieds kam, kam der Tierarzt zu uns. Mein Sohn kam extra aus Essen, um sich von Satchmo zu verabschieden. Vater und Sohn haben dann für den alten tierischen Freund gegraben. Und so entstand ein Hügelgrab, mit vielen Wildblumen geschmückt! Nun solltest du, guter Freund, der letzte Haushund sein.

Es kam anders. Ich hatte es fast geahnt. Ich kam von der Arbeit, und meine Frau blätterte mit der bekannten Tierheilpraktikerin durch eine Internetseite. Mir wäre in diesem Moment der Otto-Katalog lieber gewesen. Es ging um „Notfelle“. Kann ich „Nein“ sagen? Und ich bin sowieso so einer, der die Welt retten will. Und ein paar Tage darauf fuhren wir nach Arnheim, um Dino aus Utrecht in Empfang zu nehmen. Er war ein Riesenkerl! Er hatte Herrchen und Frauchen in kurzer Zeit verloren. Der Sohn und seine Frau wollten Dino nicht behalten. Es gab Abschiedstränen und Umarmungen, und wir blieben in Kontakt. Dino war schon 9 Jahre alt. Er war ein sanfter Riese. Ich kann mich nicht erinnern, dass er einmal gebellt hat. Er hat bei uns fast 4 Sonnenjahre gehabt. Ich war zu weit weg, als ich die Nachricht bekam: „Dino geht es sehr schlecht...“ Ich war im französischen Baskenland, wo meine Mutter jetzt lebte. Der sanfte Riese ist beim Tierarzt geblieben! Ich war traurig und wütend. Ich hatte versagt! Kein Hügelgrab für dich, sanfter großer Freund! Du solltest der letzte Hund sein!

Meine Tochter wollte bald ausziehen und wollte einen Hund als Gesellschaft. Sie fuhr nach Duisburg zum Tierheim. Ihre Mutter war dabei. Und so kamst du, Hugo, zum Vorschein. Du warst nicht primär mein Hund. Ich will nicht ins Detail gehen. Ich bin aber einfach da. Claudia war die fünfte Hand. Du warst erst 4 Jahre alt. Dein Leben war nicht immer ein Ponyhof. Ein paar Monate hatten wir zwei Hunde im Haus, Holly und dich. Holly, wie eine kleine Stiefschwester für dich. Eine zickige Schwester, manchmal. Die Zeit rennt davon. Bilder von dir am See. Es war Sommer, es war gestern. Du warst bei mir, es ist schon zwei Jahre her. Du wirst gehen. Ein Hügelgrab für dich. Deine Seele wird davonfliegen, Richtung Meer.

Ein Riesenschiff kommt. Ein Drachenboot. Du schwimmst zu ihm. Unzählige Hunde sind auf dem Schiff. Der Kapitän ist ein großer Kerl. Er redet kaum und singt Lieder mit rauer Stimme. Du verstehst nur: „Smørrebrød“. Mach dich aber nicht lustig. Er könnte ein alter Ich sein. Am Bug triffst du Roxane, Satchmo und Dino. Der salzige Wind kitzelt ihre Schnauzen. Die Reise geht Richtung Süden.

Roxane war eine Whippet-Rauhaardackel-Mischling. Eine kleine Windhündin mit langem Haar und einer spitzen Nase. Eine feine Dame aus Paris. Satchmo war aus dem realen Niederrhein. Die Mutter war eine Bouvierdame, der Vater ein Labrador. Er war ein stämmiger, kantiger schwarzer Labrador mit langem Haar! Er war ein kerniger Kerl vom Land! Dino hatte einen Bouviervater und eine Labradormutter. Er war ein Satchmo mit ein paar Zentimetern mehr Rückenhöhe. Er war der Gentleman aus der Stadt. Er war aber nicht arrogant. So war Dino aus Utrecht. Und du, Hugo? Dein Vater ein Weimaraner mit Stammbaum. Deine Mutter eine Labradorhündin mit Stammbaum. Und du landest im Tierheim! Du bist immer ein wenig eigenwillig. Wie Satchmo es war. Ein wenig rüpelhaft. Er hatte die große Klappe vom Lande, du hast die große Stadtschnauze. Du bist ein immer besserwissender Ruhrpottler. Ihr seid immer zu einem Streit und Kampf bereit gewesen. Es konnte anstrengend sein. Roxane und Dino lächeln ein wenig darüber. Ich werde irgendwann auch zu einem Schiff schwimmen. Ich sehne mich nach einem Hügelgrab. Niemand wird in meinem Fell heulen. Ihr guckt mich mit schrägen Köpfen an. Ich verstehe euch schon, ihr geliebten Fellsäcke! Ich habe kaum Fell!

Friedrichfeld (Hackstadt), den 24.02.2026.