Ich warte auf dich und ich weiß, dass du heute nicht kommen wirst. Und morgen auch nicht. Das lange Warten ist gepflastert mit unzähligen Tassen Kaffee. Nun sitze ich alleine im Nieselregen.
Oktober legt wunderschöne Decken aus rotgoldenem Laub auf die verlassenen Tische. Die hübsche und nette Kellnerin, auf die du so oft eifersüchtig bist, ist auch nicht da. Wie oft hast du es versucht: Du wolltest, dass ich ein anderes Café aufsuche. Doch ich blieb standhaft. Es hat auch damit zu tun, dass dies hier die einzige Ecke in der Stadt ist, wo sich noch ein paar alte Platanen über die Terrasse beugen. Und kriminellerweise raucht die hübsche Kellnerin ab und zu eine Zigarette im Schutze der Blätter.
Unzählige Tassen Kaffee schneiden diesen Nachmittag in Stücke wie eine Sanduhr die Zeit: eine Kaffeeuhr.
Die Natur zieht sich sündige Kleider aus feinem Nebel an; Herbst küsst ihr goldenes Haar und ihre Lippen von blassem Rot.
Draußen auf den Feldern schießen Jäger auf nichtsahnende Singvögel. Schwere Kugeln brechen ihre kleinen goldenen Herzen.
In der Rue Moineroque steht ein alter Voodoladen, wo ein betagter Graf sich gerade ein paar neue Zähne wachsen lässt. Der Besitzer dieses Ladens ist ein langjähriger Freund von mir. Von ihm habe ich mir zum Geburtstag daher ein paar neue Flügel gewünscht. Aber eigentlich solltest du das gar nicht wissen.
Der Kellner ist mir unsympathisch. Er braucht deshalb kein Trinkgeld von mir zu erwarten. Er würde damit, da bin ich mir sicher, sowieso nur krumme Dinger drehen. Vielleicht sollte ich einfach aufstehen und ihm für die Frechheit, die er an den Tag legt, eine Portion Prügel verpassen. Mit ein bisschen Glück würden ein paar seiner Freunde mich wiederum verdreschen.
Irgendwelche überaus korrekten Bürger würden meinen scheinbar leblosen Körper auf die Straße legen und die Kehrmaschine bestellen. Diese würde aber nicht kommen, weil in diesem verfluchten Land wieder mal gestreikt wird.
Möglicherweise würden mich auch einfach ein paar illegal eingewanderte und unterbezahlte Angestellte einer Straßenreinigungsfirma in den nächsten Kanal werfen. Sie würden dann lachen über meine kümmerlichen Flügelansätze. Und sie würden sich fragen, warum ich mir nicht Kiemen und Flossen bestellt habe.
Du wirst nicht kommen und inzwischen ist es mir vollkommen egal. Der Kellner ist gegangen, stattdessen ist die Kellnerin da.
Es sind nur ein paar Sätze, eine einfache Bestellung. Aber unsere Worte berühren sich. Das schummrige Licht einer alten Sonne lässt sie so schön aussehen.
Wir streifen die Wolken, gleiten durch den Nebel. Unsere Lippen berühren sich…
Und die Singvögel trällern aus vollen goldenen Herzen ein wunderhübsches Lied für sie… für sie, für mich.
Draußen auf den Feldern hat ein kräftiger Wind die Jäger weggefegt.