Mots pliés et dépliés

Der junge König, der Kanzler und die Pest

Okt 2020

Ein lauer Wind bringt Gülleduft in meinen Traum. Er geht auf und ab in diesem großen Raum mit den unzähligen Fenstern. Die Luft ist stickig. Warum, um Gottes Willen, macht keiner ein Fenster auf?
„Macht ein Fenster auf“, sagt er mit müder Stimme. „Tut es endlich!“ So ist der Wille eures Königs.
So ein Riesenfenster zu öffnen ist schon viel Arbeit für zwei Palastwachen. Der alte würdige Kanzler kommt und spricht mit sanfter Stimme: „Es ist zu gefährlich! Draußen in der Luft ist die Pest, die Schweinepest. Gesund müsst Ihr bleiben, gütiger König!“
Der König. „Noch ein Schicksalsschlag? Was für ein absurdes Jahr.“
Der Kanzler: „Das Volk nörgelt, König. Es findet, dass Ihr zu lasch seid. Es verlangt härtere Strafen für die Abzocker und die Pestbringer.“
Der König: „Was sollte ich da anordnen? Soll ich diese Kaufleute, die mit Gold und Getreide spielen, auspeitschen lassen? Diesen Halunken die Köpfe zu rasieren und sie zum betteln zu zwingen, wäre eine vernünftigere Strafe.“
Der Kanzler: „Das Volk will Köpfe rollen sehen, König.“
Der König: „Lass mich zuerst Luft schnappen, Kanzler!“
Er geht zum geöffneten Fenster und beobachtet Kinder beim Spielen: Jungen jagen Mädchen mit speerähnlichen Stöcken, die sie mit geräucherten Schweineohren gespickt haben,. Hunde jagen den Jungen und Schweineohren hinterher. Die Hunde werden wiederum von den Mädchen gejagt, die die Tiere unbedingt streichen wollen.
Diese Runde, dieses Spiel, kennt der König noch aus seiner Kindheit. Und da ist der süße Duft der Mädchen, überdeckt von dem Mundgeruch der Hunde mit der leichten Brise der getrockneten Schweineohren.
Der König: „Köpfe werden nicht rollen, Kanzler. An den Pranger sollen sie, nicht mehr, nicht weniger.“
Der Kanzler: „Aber einen siegreichen Krieg müsst Ihr führen, König. Nach drei Tagen Marsch gen Süden werdet Ihr den Fluss überqueren und dem Land, wo die Pest grassiert, eine Lektion erteilen.“
Der König: „Bist du von Wahnsinn erblindet, guter Kanzler? Was können denn die armen Menschen dort dafür? Haben sie da denn eine andere Wahl als mit den Schweinen zu wohnen? Soll ich die Not weiter mehren, in dem ich ihnen Krieg bringe?“
Der Kanzler: „Das Volk soll auf ungefährliche Gedanken zurückkommen. Ablenkung ist gefragt. Und ein bisschen Milde müsst Ihr doch für die Kaufleute walten lassen. Diese sind bereit aus ihren Privatschatullen für die Kriegskosten aufzukommen. Nicht alle sollen an den Pranger. Ein paar werden schon genügen.“
Der König: „Wollen die mir jetzt Geld geben, dass sie mir vorher gestohlen haben? Das kann nicht dein Ernst sein, Kanzler.“
Der Kanzler. „Die erste Legion, die siegreiche, ist bereits kampfbereit. Sie wartet nun nur noch darauf, dass Ihr sie mit der königlichen Garde in die Schlacht führt.“
Der König: „Ich habe ja keine andere Wahl. Wofür bin ich denn König?“
Der Kanzler: „Nach dem Krieg könnt ihr Gnade und Großzügigkeit walten lassen.“
Der König: „Nun gut. Ich werde denn einen schnellen und leichten Krieg führen. Nach meiner siegreichen Rückkehr werde ich heiraten, damit mich die ganze Priesterschaft wieder ganz lieb hat. Und vor der Hochzeit werde ich diese edlen Diebe an den Pranger stellen lassen. Und die Aufwiegler werden ausgepeitscht, wenn keine Ruhe einkehrt. Und lass den Scharfrichter aus den vorzeitigen Ruhestand zurückholen!“
Der Kanzler (lacht): „Ein paar von denen könntet Ihr natürlich einen Kopf kürzer machen...“
Der König hört nicht mehr zu und geht erneut zum Fenster. Unten, am Fuß der Festung, verlangt ein Meer von Schweineköpfen nach Krieg und Blut.
Der König, angewidert, fragt sich, wo der süße Duft der Mädchen nun geblieben ist...